Ein Projekt der KG München, gefördert von der Hesse-Stiftung

((Foto: Habitatbaum // Hohne-Eiche; Harz, Halbtotale HF (1)))

Was ist ein Habitatbaum?

Habitat- oder Biotopbäume sind meist ältere, absterbende oder bereits tote stehende Bäume, die mindestens eine Habitatstruktur aufweisen, welche unterschiedlichen Arten als Lebensraum dient. Damit leisten Habitatbäume einen wesentlichen Beitrag zur Biodiversität in der Stadt, zumal die meisten dieser Bäume mehrere Habitatstrukturen anzubieten haben. Diese entstehen durch Stein- oder Blitzschlag, Schnittmaßnahmen, Anfahrschäden, Witterungseinflüsse wie Sturm, Frost, Nassschnee oder Sonnenbrand sowie durch Spechtaktivitäten. Ein Habitat kann in Sekundenschnelle zustande kommen, z.B. eine Blitzrinne, oder im Laufe mehrerer Jahrzehnte wie ein größere Mulmhöhle.

Insofern sind Bäume auch dann noch erhaltenswert, wenn ihre Vitalität abnimmt, sie im Absterben oder sogar bereits abgestorben sind. Das betrifft vor allem ältere Bäume mit einer bewegten Geschichte.

Was soll mit dem Projekt erreicht werden?

Aus Gründen der Verkehrssicherheit werden absterbende Bäume in der Stadt oft gefällt. Das ist verständlich, aber nicht zwingend erforderlich. Artenschutz und Verkehrssicherheit sind rechtlich gleichgestellt und müssen sich nicht ausschließen. Oft reicht es, das Totholz im Gefahrenbereich zu entfernen, die Krone einzukürzen oder Efeubewuchs in der Krone zu reduzieren, um einen älteren Baum für seine diversen Bewohner zu erhalten. Und selbst, wenn das nicht möglich ist, weil der Baum durch pflegerische Maßnahmen nicht mehr verkehrssicher wird, muss er nicht zwangsläufig gefällt werden. Eine Alternative könnte ein Ökotorso sein. Dabei bleibt lediglich ein Teil des Stammes stehen – die Krone wird entfernt. Die Erfahrung lehrt, dass Torsi noch fünf bis zehn Jahre, mitunter auch länger, stehenbleiben können, bevor ihre Standsicherheit nicht mehr gegeben ist. Die regelmäßige Kontrolle der Wurzelanläufe und ein dezentes Rütteln am Stamm zeigen an, wann sein Ende gekommen ist. Erst dann muss er umgelegt werden und könnte als liegender Torso dem ewigen Kreislauf aus Werden und Vergehen überlassen werden. Manch einem mag es sinnvoller erscheinen, einen „unsicheren“ Baum zu fällen und gegen einen jungen, gesunden auszutauschen. Aus dem Blickwinkel der Biodiversität betrachtet, ist das allerdings wenig zielführend, denn junge Bäume bieten kaum Lebensräume für Tiere, Pflanzen oder sonstige Arten. Je älter ein Baum ist, desto mehr Habitate bildet er aus, und desto mehr trägt er zur Biodiversität bei. Deshalb muss die Reihenfolge im Umgang mit Stadtbäumen folgende sein:

  1. Bestandsbäume so lange wie möglich erhalten und entsprechend gut hegen und pflegen.
  2. Wenn ein Baum nicht mehr verkehrssicher ist, alle Maßnahmen ausschöpfen, die ihn zumindest für ein paar Jahre sicher machen (Totholz entfernen, Windlast reduzieren, Kronensicherungen oder Gewindestangen einsetzen etc.)
  3. Wenn all diese Maßnahmen ausgereizt sind, den Baum so weit einkürzen, dass keine Gefahr von ihm ausgeht (Kroneneinkürzung, Ökotorso)

((Foto: Ökotorso // Baumtorso_Rotbuche_Isarauen (2)))

Natürlich ist ein Torso kein schöner Anblick im Vergleich zu einem großkronigen Laubbaum. Doch um die Biodiversität in der Stadt zu erhalten oder zu verbessern, stellen Ökotorsi eine sinnvolle Alternative zur Fällung dar. Im Zuge des langsamen Absterbeprozesses bildet der Torso zahlreiche Mikrohabitate aus, die nach und nach ihre Untermieter finden. Insofern sind Torsi nicht tot, auch wenn sie zunächst so aussehen. In seinem letzten Lebensabschnitt zieht nochmal Leben in den Baum ein. Das sollten wir fördern und unterstützen.

Mit dem Projekt soll mehr Bewusstsein für das Thema „Habitatbäume in der Stadt“ geschaffen werden. Über Habitatbaumschilder, die an jeden Ökotorso angebracht werden, der durch das Projekt geschaffen wurde und eine Fällung verhindert hat, können sich interessierte Bürger*innen über das Projekt informieren.

Durch Einzelberatung der Baumschutzbeauftragten der jeweiligen Bezirksausschüsse sowie durch Informationsveranstaltungen sollen all diejenigen praxisrelevante Informationen an die Hand bekommen, die in München täglich mit der Beurteilung von Bäumen befasst sind. Ein reich bebilderter Habitatbaum-Fächer wird ihnen die Erfassung und Beurteilung einzelner Habitatstrukturen erleichtern. Auch das Thema Verkehrssicherheit und Habitatbäume ist fester Bestandteil des Projekts.